Mit neuer Technik Früherkennung von Herzrhythmusstörungen möglich

Wenn Herzschrittmacher mit dem Arzt sprechen

07.07.2009

Misst und sendet Daten ans Spital.
Gerät reagiert auf mentale Belastungen.
Externer Eingriff per Funk unmöglich.

Einen innovativen Herzschrittmacher, der seine Stimulation nicht nur laufend an die Bedürfnisse des Patienten anpasst, sondern auch regelmäßig dem behandelnden Arzt via Mobilfunk Bericht erstattet, haben Mediziner im Wiener Wilhelminenspital erstmals eingesetzt. Es war auch die weltweit erste Operation, bei der der neue Schrittmacher "Evia" implantiert wurde, erklärte Lorenz Neuhäuser-Happe von der Herstellerfirma "Biotronik" der "Wiener Zeitung".


Der Herzschrittmacher führt autonom laufend Messungen durch, die bisher im Krankenhaus durchgeführt werden mussten. Die Messergebnisse und Systemeinstellungen werden zusammen mit einem Elektrokardiogramm (EKG) in regelmäßigen Abständen zuerst an ein mobiles Zusatzgerät beim Patienten und von dort an den betreuenden Arzt weitersendet. So wird eine Schrittmachernachsorge unabhängig von Zeit und Ort, also ohne Krankenhausbesuch möglich.


Ein Eingriff des Arztes über Mobilfunk direkt in den Schrittmacher wäre technisch zwar machbar, ist jedoch weder möglich noch geplant, so Neuhäuser-Happe. Stellt der Mediziner bei der Kontrolle der Daten Unregelmäßigkeiten fest, muss der Patient persönlich zur Kontrolle erscheinen. Durch die Möglichkeiten des Systems könnten nicht nur Gerätestörungen rechtzeitig entdeckt werden, auch eine Früherkennung etwa von Herzrhythmusstörungen sei möglich.


Abgesehen von der automatischen Übermittlung von Daten an den behandelnden Arzt, passt "Evia" die Stimulationsfrequenz laufend und autonom an die Bedürfnisse des Patienten an. "Im Unterschied zu den gängigen Herzschrittmachern, die in der Regel nur auf Bewegung mit einer Erhöhung der Stimulationsfrequenz reagieren, erkennt dieser physiologische Sensor als Einziger auch jede Art der mentalen Belastung", erklärte dazu Michael Nürnberg, Oberarzt am Wilhelminenspital.


Durch einen speziellen Sensor erkennt der Schrittmacher geistige Anstrengungen, wie etwa das Lösen einer komplizierten Rechenaufgabe, und reagiert entsprechend. Damit soll der Schrittmacherpatient einen Herzrhythmus annähernd wie ein Gesunder bekommen. Derzeit läuft eine Studie, ob die Funktion die Gedächtnisleistung der Patienten steigert.
Handy kein Problem


Übrigens können Handystrahlen die Geräte kaum beeinflussen. "Die sind durch ein Titangehäuse geschützt", so Neuhäuser-Happe. Kommt es dennoch zu Problemen, schaltet das Gerät in einen "Sicherheitsmodus". Und für die Übertragung der Daten würden nur extra für medizinische Produkte freigegebene Frequenzen benutzt.

Wiener Zeitung; Printausgabe vom Dienstag, 07. Juli 2009